DDR 2.0: Wasungen & Steinkirchen (1)

n_klEs gab einmal eine Zeit, in der man mehr als nur kuschender Untertan sein konnte. Eine Zeit, in der man frech und pointiert offen zum Ausdruck brachte, was sauer aufstieß, was nervte oder was man als schädlich betrachtete. Die Bonzen jeglicher Couleur mussten sich in dieser Zeit warm an- und die Köpfe tief einziehen, wenn ihnen vom Volk der Spiegel vors Gesicht gehalten wurde.

Diese Zeit nannte sich KARNEVAL, oder, weiter südlich, FASCHING. Die Faschingsnarren hatten „Narrenfreiheit“ und die freie Rede oder deren künstlerischer Ausdruck in Form von Kostümen, Spruchbändern und Umzugswägen waren Teil eines Brauchtums, an dem gern festgehalten wurde. Es war eine Zeit, die ihre Fröhlichkeit nicht nur dem obligatorischen Alkoholkonsum, sondern genau dieser Narrenfreiheit verdankte.
Egal, ob Bürger, Bauer oder Arbeiter: Diese Zeit hatte eine gesundheitserhaltende Funktion für die Psyche aller Menschen. Für einige Tage durfte man das Korsett, die gesellschaftlichen Zwänge ablegen, durfte ein freier Jeck und die Obrigkeiten und den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen.Diese Zeit hatte die Funktion eines sozialen Überdruckventils. Ohne Strafandrohung richtig Dampf abzulassen war nur in jener Zeit möglich, in der die Narren den Stadtschlüssel halten.

Nicht mehr so heute.
Moralinsaure Gutmenschen und griesgrämige Tugendwächter sorgen dafür, dass die Narren nicht „über die Stränge“ schlagen, sich alles im politkorrekten Rahmen hält.
Dafür gibt es eigene Karnevals-Komitees, die noch vor Karnevalbeginn alles kontrollieren und nur jene Jecken auftreten lassen, die den vorgegebenen Rahmen einhalten. Es gibt ein Wort für diese Form der „Kontrolle“:

Zensur.

Erstes Beispiel: Steinkirchen in Oberbayern.
Wie würden sie, werter Leser, einen Faschingsumzug bewerten, bei dem 500 Menschen zusehen? Gewaltig, mächtig, groß, klein oder mickrig?
Genau so sehe ich das auch.
Und da haben doch bei dieser Mega-Großveranstaltung zwei Männer die Stirn, vor dem Zuschauermassen mit einem Faschingspanzer aufzufahren, dessen Beschriftung wohl die dortige Faschings-Zensurkomission übersehen hatte. Jetzt war Feuer auf dem Dach!

der orf schreibt über diese gar garstige Sache:

D: Verdacht auf Volksverhetzung nach Faschingsumzug

Nach dem Faschingsumzug im oberbayerischen Steinkirchen bei Pfaffenhofen ermitteln die Behörden wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Bei dem Umzug gestern Nachmittag war ein als Panzer dekorierter Wagen mit den Aufschriften „Ilmtaler Asylabwehr“ und „Asylpaket III“ sowie einem schwarzen Kreuz zu sehen, wie ein Sprecher der Polizeiinspektion in Pfaffenhofen an der Ilm bestätigte.

Zuvor hatte der Schauspieler Florian Simbeck („Erkan und Stefan“), der für die SPD im Kreistag von Pfaffenhofen an der Ilm sitzt, Fotos des Wagens auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Auf der Seite des Vereins OCV Steinkirchen, der den Umzug organisiert hatte, hagelte es scharfe Kritik.

Der Verein betonte, es gebe keine rechtsradikalen Tendenzen unter den Mitgliedern. Auch Flüchtlinge seien integriert worden und beim Umzug mitgelaufen. Weiter wollte sich zunächst niemand zu dem Vorfall äußern. Der Verein kündigte eine offizielle Stellungnahme an.

Zum Faschingsumzug waren nach Polizeiangaben rund 500 Menschen gekommen. Die Polizei hielt den Panzer nicht an, wie ein Sprecher sagte. Es gebe zwar den Anfangsverdacht der Volksverhetzung, allerdings spiele gerade bei Faschingsumzügen auch die Kunstfreiheit eine Rolle. Die Polizisten machten Fotos, die der Staatsanwaltschaft Ingolstadt für weitere Ermittlungen übergeben wurden.

Was hat Herr Simbeck geschrieben?
Tasächlich hat sich dieser werte Herr facebookmäßig aufs Heftigste echauffiert:

Simbeck 1

…mehr dazu im Teil 2 der Geschichte.

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