Tiefe Wahrheiten

Bei Fliegen zeigt sich Telegonie: Die Jungen kommen früheren Sexualpartnern der Mütter nach.

Kann ein Kind zwei Väter haben? Den Griechen war die Vorstellung nicht fremd, viele ihrer Mythenhelden waren von einem Gott und einem Menschen gezeugt, Theseus etwa. Andere Kulturen hatten noch mehr Fantasie, bei ihnen musste gar kein körperliches Erbe eines zweiten Mannes mitspielen, es reichte die Vorstellung des Mannes im Kopf der Frau, im apokryphen Philipp-Evangelium steht es so: „Wen immer eine Frau liebt, dem gleichen ihre Kinder. Wenn sie mit ihrem Mann schläft, aber dabei an ihren Geliebten denkt, wird das Kind ihm gleichen.“

Noch weiter ging die ganz offizielle Bibel: Jakob brachte rein schwarze Ziegen und Schafe dazu, gefleckte Junge zu werfen. Dazu schälte er Äste so, dass sie gefleckt waren, die legte er neben die Tränke, die Tiere sahen das Muster und gaben es ihren Jungen (1. Mose 37). Auch die Wissenschaft war der Idee nicht abgeneigt, Aristoteles formulierte sie als Erster, Darwin sah einen Beleg in „Lord Morton’s Mare“, einer braunen Araberstute, die von einem gestreiften Quaggahengst gedeckt worden war und später auch von anderen Hengsten gestreifte Junge bekam. Dagegen stemmte sich als Erster der Biologe August Weismann – er nannte das Phänomen Telegonie (tele: fern, gonos: Nachkommen) –, und mit dem Bekanntwerden der Mendel’schen Gesetze war es vorbei damit.

Früher Sex hinterlässt Spuren

Jetzt ist es wieder da, bei Fliegen: Angela Crean (Sydney) hat an Telostylinus angusticollis früher schon bemerkt, dass gut gefütterte Väter für größeren Nachwuchs sorgen als auf Schmalkost gehaltene. Über so etwas hätte die Genetik vor 20 Jahren noch den Kopf geschüttelt. Aber dann kam die Epigenetik und zeigte, dass die Lebensweise, die Ernährung etwa, auf das Erbe durchschlagen kann, auch bei Menschen.(*)
Nun kommt die nächste Grenze ins Wanken: Crean hat Fliegenweibchen, die noch nicht geschlechtsreif waren, mit wohlgenährten Männchen „verheiratet“, und später dann, nach dem Reifen, mit knapp gehaltenen: Die Jungen kamen den wohlgenährten nach, sie wurden groß (Ecology Letters, 1.10.).

„Unsere Entdeckung verkompliziert unsere ganze Sicht darauf, wie Variationen über Generationen weitergegeben wird“, erklärt Crean, und natürlich sucht sie auch nach Erklärungen: Vielleicht hat die DNA des Spermas der ersten Männchen ihren Weg in Zellen der Weibchen gefunden, vielleicht auch ins Blut – Ähnliches gibt es bei Menschen: DNA von Föten geht ins Blut Schwangerer und von dort in die nächsten Föten –, vielleicht hat es auch mit der Samenflüssigkeit zu tun, mit der beeinflussen Fliegenmännchen Weibchen. Wie auch immer: Gibt es das alles nur bei Fliegen? Ganz tot war die Telegonie nie, vor allem unter Tierzüchtern hielt sich der Verdacht, dass ein einmaliger Fehlgriff – ein Mischlingsmännchen statt eines reinrassigen – einem Weibchen das Leben lang anhaftet. (jl)

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.10.2014)

n_kl(*): Auch diese nebenbei eingestreute Bemerkung ist von leicht unterschätzter Bedeutung!
Hier bewahrheitet sich der immer wieder aus Beobachtungen genährte Verdacht, woach sich eine durch Mangel- und Fehlernährung aus den Fugen geratene Figur auf die Kinder überträgt, was nicht nur mit den ähnlichen Lebensumständen der Folgegeneration zu tun hat. So darf man wohl annehmen, dass eine weitere „Verschwörungstheorie“ ihren Praxistest bestanden hat:
verstärkte Neigung zu Karieserkrankungen, Paradontoseanfälligkeit und auch eine diabetische Prädisposition sind vererbbar und schädigen das Erbgut über Generationen hinweg!

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