Die Möönschen!

DER ABERGLAUBE MENSCH

Dass Menschheit ein zoologischer Begriff ist, sollte keine besonders neue Erkenntnis sein. Trotzdem wird das Wort „Mensch“ nicht mit der gebotenen Vorsicht gebraucht.

Dies ist harmlos, solange es sich dabei lediglich um eine Bezeichnung für nicht weiter spezifizierte Menschen handelt, über die nun einmal nichts Näheres ausgesagt werden kann, als dass sie zur Spezies der Menschen und nicht etwa der Kanarienvögel gehören.

Wo „Mensch“ aber eine gedankenlose Assoziation darstellt, wird dieses Wort gefährlich. Es wird zur Nebelwand, hinter der sich allerhand geistige Kurzschlüsse und ideologische Dogmen wunderbar verbergen lassen.

Mensch als Verschleierung fehlerhafter Beobachtungsebenen

Einer dieser geistigen Kurzschlüsse besteht darin, die Kategorie Mensch auf einer Beobachtungsebene anzuwenden, auf der sie nichts verloren hat. Die Evangelische Kirche plakatiert momentan eine „Mitmenschen“-Initiative zwecks Beförderung weiterer Einwanderung. Dass es sich bei den Einwanderern um Menschen handelt und wir Menschen sind, sie also unsere Mitmenschen sind, ist banal. Die Betonung dieses Umstandes dient allerdings lediglich der Verschleierung der Völkerwanderung.

Das Eindringen bestimmter Völker in die Gebiete anderer Völker kann tautologischerweise nicht wahrgenommen werden, wenn man die Beobachtungsebene der Spezies wählt und feststellt, dass es sich bei allen Beteiligten um Menschen handelt. Man stelle sich einen Richter vor, der die Streitparteien im Namen ihrer gemeinsamen Volks-, Klassen-, Geschlechts– oder regionalen Zugehörigkeit, irgendetwas, das mit dem Streitfall nichts zu tun hat, zu Eintracht und Versöhnung aufruft.

Dekonstruktivistische Zaubertricks

Der gleiche billige Trick liegt einer Methode zugrunde, die sich bei Möchtegern-Intellektuellen großer Beliebtheit erfreut: der Dekonstruktion. Sinn und Zweck der Dekonstruktion ist es unpassende Tatsachen argumentativ verschwinden zu lassen. Im besten Falle untersucht der Dekonstruktivist dabei die betreffende Tatsache auf einer tieferen Beobachtungsebene und stellt fest, dass sie hier nicht einheitlich, keine Sache, sondern etwas prozesshaft Zusammengesetztes, ein Konstrukt ist. Dann erklärt er die dekonstruierte Tatsache für nichtexistent.

Zur Veranschaulichung die Lieblingsdekonstruktion aller Dekonstruktivisten, die der Nation: Man nehme eine Nation und untersuche sie nicht auf der Ebene der Nationen – also im Vergleich mit anderen Nationen – sondern sehe sich ihr Innenleben an. Man stelle fest, dass es sich um einen Prozess der soziologischen Aktualisation (auch als Traditionszusammenhang bekannt) handelt. Dass sie also aus den Erzählungen, Erwartungen und Überlieferungen besteht, die immer wieder neu am sozialen Konstrukt Nation anknüpfen. Gratulation! Sie haben soeben die Nation erfolgreich dekonstruiert.

Dieser Zaubertrick funktioniert aber nur, so lange eines nicht dekonstruiert wird: der Mensch. „Mensch“ dient hier weniger als Fetisch wie in der „Menschheit“ der Sonntagsreden, denn als unbewusster Bezugspunkt. Er ist unabdingbar, als das einzige, was in einer dekonstruierten Welt noch Bestand hat. Das Ergebnis ist eine Soziologie, in der allein der Mensch etwas Substanzielles ist, alle anderen soziologischen Kategorien – oder zumindest alle von denen der jeweilige Soziologe es wünscht – sind konstruiert. Dass man den Menschen genauso dekonstruieren kann, weiß freilich jeder Psychologe oder Neurologe, aber Interdisziplinarität, außer mit Gender-, Critical Whiteness– und dergleichen Studies, war noch nie die Stärke zeitgeistiger Gesellschaftswissenschaften.

Dabei macht sich diese Wissenschaft nicht einmal so ehrlich, dass sie ihre Prämisse, der Mensch ist im Gegensatz zum Rest substanziell, offen ausspräche. Das kann sie nicht. Die Täuschung derartig „kritischen Denkens“ funktioniert nur, solange das Publikum über die Dekonstruktionen staunt, ohne die Methode wirklich zu verstehen und konsequent auch auf den Menschen anzuwenden. In diesem Moment würde sich die primitivistische Idee, alles Komplexe, Zusammgesetzte und Prozesshafte wäre doch eigentlich nichtexistent, selbst für den Dümmsten ad absurdum führen.

Humanitärer Antibiologismus

Das Assoziationsfeld „Mensch“ birgt aber noch eine weitere Gefahr. Es hat sich bei den meisten Zeitgenossen ein Menschenbild breitgemacht, das den Menschen außerhalb der Natur stellt. Es geht nicht um Fragen des Umweltschutzes. Ökologisches Engagement verträgt sich erstaunlich gut mit der Vorstellung, der Mensch sei eben nur dann Teil der Natur, wenn es gerade passt – inkonsequent, aber sehr menschlich. Wirklich erschreckend wird es, wenn Naturgesetze, sofern sie den Menschen betreffen, nach Bedarf für aufgehoben erklärt werden und alles nickt und findet das sehr „human“.

Dieses Denken stammt aus der jüdisch-christlichen Tradition. Hier entstand eine Kosmologie, die erklärte, das ganze Universum, vom Anfang bis zum Ende, sei um des Seelenheils einer bestimmten Spezies nackter Affen willen da. Das glaubten die nackten Affen gern. Und auch als sie sich daran machten, den Gekreuzigten zum altmodischen Gerümpel zu erklären, hielten sie doch an diesem Glauben fest. Auch hier wird das Prinzip nicht offen ausgesprochen, das wäre doch zu peinlich gewesen. Aber man ist bereit Dinge zu glauben, die nur unter dieser Prämisse stimmen können: Dass der Mensch im Universum eine solche Ausnahmestellung einnimmt, dass die Naturgesetze nur gelten, solange sie seine Menschenwürde oder ähnliche unveräußerliche Eigenschaften seines ganz speziellen Menschseins nicht verletzen.

Seine ebenso logische, wie absurde Konsequenz hat dies in den antibiologistischen und antirassistischen Ideologien gefunden. Während der unsäglichen Sarrazin-Debatte sahen sich sogar Wissenschaftler, die kurz zuvor noch den Erblichkeitsfaktor der menschlichen Intelligenz nach oben korrigiert hatten, nicht zum Widerruf, sondern zur Erklärung genötigt, dass die Nichterblichkeit immer schon Forschungskonsens gewesen sei. Humoristische Einzelfälle ausgenommen: Ein Biologieprofessor erklärte, Intelligenz vererbe sich nicht gemäß den Mendelschen Gesetzen und verschwieg, was jeder Abiturient weiß, dass die Mendelschen Gesetze nur ein sehr simples Modell für einfache Vererbungsvorgänge sind. So kann man dem Zeitgeist auch den Stinkefinger zeigen.

Trotzdem, Menschenwürde, oder was immer Sarrazin da angeblich angegriffen hatte, wurde (noch einmal) gerettet. Keiner konnte sagen, wie oder warum, aber das interessierte nicht. Es ging um „Menschen“, gleichgültig, was das genau bedeuten mochte. Man war sich sicher, diesen außerordentlichen Wesenheiten nicht die Unwürdigkeit eines biologischen Erbvorganges zumuten zu können.

Mit etwas Glück wird der Lückenbüßer überstrapaziert

Der Aberglaube Mensch gleicht nicht dem Aberglaube an das glückbringende Hufeisen. Er ist ebenso wenig eine ausformulierte Ideologie. Genau das Nebulöse, das mit diesem Wort verbunden wird, macht den dahinter stehenden Aberglaube so anziehend und gefährlich. Er fordert keinen Gedanken, lediglich ein Bekenntnis und oft nicht einmal das. Seine Anhänger sollen lediglich bei dem Wort „Mensch“ das Denken einstellen. Dieses Wort, in seiner Abgrenzung eigentlich vollkommen unproblematisch und eine sinnvolle Kategorie, wird als Lückenbüßer verwendet, der die geistige Leere verbirgt.

Diese Leere wird jedoch in der globalisierten Welt immer offensichtlicher. Konnten die Aufklärungsphilosophen noch Mensch sagen und Europäer meinen, so umfasst die menschliche Spezies heutzutage nicht nur theoretisch, sondern in der praktischen Wirklichkeit eine viel größere Bandbreite an Rassen, Völkern und Kulturen. Diese haben zumindest ihr beachtliches Talent zur Selbsttäuschung gemein, also ist hier jeder Optimismus mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem kann man hoffen, dass der Aberglaube Mensch bald an Überstrapazierung zugrunde geht.

Quelle: Blaue Narzisse

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