Sie tanzen auf Gräbern

Asyl: Spitzen der Religionen mahnen Menschlichkeit ein

Die Spitzenvertreter der heimischen Kirchen und Religionen haben zu einem menschlicheren Umgang mit Flüchtlingen und einer sachlicheren politischen Diskussion des Asylthemas aufgerufen.

Kardinal Christoph Schönborn, der evangelische Bischof Michael Bünker, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ibrahim Olgun, und Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien unterzeichneten am Dienstag in Wien eine entsprechende Erklärung.

„Im Vorfeld des Weltflüchtlingstages am 20. Juni 2018 erinnern wir, dass die Sorge für die Schwachen in der Gesellschaft für JüdInnen, ChristInnen und Muslime gemeinsam ein Anliegen ist“, heißt es in der Erklärung wörtlich und weiter: „Es gehört untrennbar zu unserem Selbstverständnis als religiöse Menschen, Vertriebenen, Verletzten und Heimatlosen Trost und Hilfe zu geben.“ Die „Vielfalt der Talente, Kompetenzen und Biographien“ seien eine „Bereicherung“. Diese gelte es „wertzuschätzen“ und „die persönliche Weiterentwicklung zu ermöglichen“.

Gemeinderabbiner der IKG, Schlomo Hofmeister, Kardinal Christoph Schönborn, Bischof Michael Bünker, IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun

Weiter halten die vier Unterzeichner fest: „Wir sehen diese Haltung auch aus unserem gemeinsamen Menschenbild heraus als wesentlich für ein gutes Zusammenleben in Österreich, als Teil der internationalen, insbesondere der europäischen Staatengemeinschaft.“

Achtung der Menschenwürde Pfeiler für Gesellschaft

Die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte seien wesentliche Pfeiler „für die Gesellschaft, in der wir miteinander leben wollen“. Gerade die Religionsfreiheit sehen die vier Unterzeichner dabei als wesentlichen Faktor für den Frieden an. Die Achtung voreinander und die Wertschätzung der je eigenen Identität sei in der interreligiösen Begegnung von zentraler Bedeutung.

Die Vertreter der Religionen erinnern zudem an das Jahr 2015, als es in einer breiten Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Religionsgemeinschaften und Einzelpersonen mit den Behörden gelang, eine große Zahl geflüchteter Menschen in Österreich aufzunehmen und ihnen Perspektiven zu öffnen. Dafür wolle man allen Beteiligten danken, und das sei ein gelungenes Beispiel für das gesellschaftliche Miteinander in Österreich.

Dank an Einsatz für Geflüchtete

Ohne den Einsatz der vielen Tausenden Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, sozialen Status und unterschiedlicher Weltanschauung hätte Österreich die Herausforderungen der großen Fluchtbewegung 2015/2016 nicht bewältigt. Tausende Menschen ließen sich seit 2015 auf die nachhaltige Begleitung von geflüchteten Menschen ein, viele Freundschaften und Beziehungen entstanden. „Ihrem oft emotional auch sehr herausfordernden Einsatz gilt unser Respekt.“ Das sei ein wesentlicher Beitrag für die Integration der schutzsuchenden Menschen.

Schönborn, Bünker, Olgun und Hofmeister rufen weiters zu einer Versachlichung im öffentlichen Diskurs auf, „ohne gegenseitige Schuldzuweisungen“. Abschließend heißt es in der Erklärung: „Wir sind dankbar, dass wir in einem Land leben dürfen, in dem Humanität von höchster Bedeutung ist und in dem das gemeinsame Engagement für Menschen in Not eine tragende Grundfeste der Gesellschaft ist. Dazu wollen wir beitragen und ermutigen alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, diesen Weg weiterzugehen.“

Schönborn: „Frage der Menschlichkeit und des Willens“

Nur ein ganz kleiner Teil der weltweit mehr als 65 Millionen Flüchtlinge komme nach Europa, hielt Kardinal Schönborn am Rande der Unterzeichnung im Kathpress-Interview fest. Deshalb sei es sehr verwunderlich, „dass wir so ein Problem daraus machen, diese Flüchtlinge zu integrieren, wo andere Teile der Welt mit viel höheren Flüchtlingszahlen konfrontiert sind“.

Letztlich sei es eine „Frage der Menschlichkeit und des Willens“. Die Spitzenvertreter der Kirchen und Religionen wollten mit dieser Erklärung „alle unterstützen und stärken, die bereit sind, bei der Integration aktiv mitzuhelfen“.

Bünker: Lassen uns nicht auseinanderbringen

Bischof Bünker bekräftigte gegenüber Kathpress die Unterstützung der Kirchen und Religionen für jene, die sich um Integration bemühen. Derzeit würden Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt – „Einheimische gegen Migranten, die Religionen untereinander“ – und deshalb sei dieses gemeinsames Zeichen wichtig, „dass wir uns nicht auseinanderbringen lassen, sondern zusammenstehen“.

Gesellschaftspolitische Verantwortung

IGGÖ-Präsident Olgun sagte, dass sich die Islamische Glaubensgemeinschaft nach Kräften bemühe, Geflüchtete bzw. Migranten im Land zu integrieren. Jeder Flüchtling, ungeachtet der Herkunft oder Religionszugehörigkeit, besitze die gleiche Menschenwürde. Die IGGÖ wolle sich bemühen, künftig noch stärker in der Hilfe für Flüchtlinge tätig zu werden.

Gemeinderabbiner Hofmeister betonte die gesellschaftspolitische Verantwortung der Religionen und die Notwendigkeit, hinsichtlich der Flüchtlingsfrage gemeinsam Stellung zu beziehen.

Engagierten Menschen Gehör verschaffen

Die Erklärung kam auf Initiative des früheren Raiffeisen-Generalanwalts bzw. Flüchtlingskoordinators des Bundes, Christian Konrad, zustande. Dieser schuf vor Kurzem mit Mitstreitern, darunter dem früheren Flüchtlingsbeauftragten der Bundesregierung, Ferdinand „Ferry“ Maier, die Allianz „Menschen.Würde.Österreich“.

Konrad und Maier wollen damit für ein asyl- und integrationsfreundliches Klima in Österreich werben und Initiativen, NGOs und Einzelpersonen, die sich im Integrationsbereich engagieren, mehr öffentliches Gehör verschaffen.

Konrad sprach im Kathpress-Interview Klartext: „Ich ärgere mich insgesamt über Europa. Es ist lächerlich, dass man bei 500 Millionen Menschen angesichts von maximal zwei Millionen Menschen so ein Theater inszeniert, nur weil es politisch opportun ist.“

Konrad: „Achse der Menschlichkeit“

Zuletzt sei von politischer Seite immer wieder das Schlagwort einer „Achse der Willigen“ ins Spiel gebracht worden. „Was wir aber vielmehr brauchen“, so Konrad, „ist eine Achse der Menschlichkeit“. Damit meine er jene Menschen, „die das Christentum bzw. ihre Religion die Menschenwürde ernst nehmen“. Diese müssten lauter werden. Und es gebe auch viele derartige Menschen, zeigte sich Konrad überzeugt.

Wie derzeit das Asylthema im Land behandelt werde, sei für ihn „unfassbar“, so Konrad weiter. Die Ängste vor den Fremden, „die uns die Arbeitsplätze und Sozialleistungen wegnehmen“, seien irrational. „Das stimmt so alles nicht.“ Und am größten seien die Ängste bei jenen, die keinerlei Kontakt zu Fremden hätten. Von der Politik erwarte er sich, „dass sie den Ton ändert und nicht aus jeder Mücke einen Elefanten macht“, sagte Konrad abschließend.

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