Zur Dokumentation: so feiert Österreich den 8. Mai

Plädoyer für Europa bei „Fest der Freude“

Mit einem Plädoyer für Europa ist am Mittwoch das „Fest der Freude“ auf dem Wiener Heldenplatz über die Bühne gegangen. „Diese große Idee werden wir uns nicht schlechtreden lassen“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Laut Veranstalter kamen 10.000 Menschen, um die Befreiung vom Nationalsozialismus vor 74 Jahren zu feiern und der Opfer des Regimes zu gedenken.

Das „Fest der Freude“ könne begangen werden, weil „das Gute“ gewonnen habe. „In Dankbarkeit erinnern wir uns der Befreiung von diesem menschenverachtenden Regime“, so Van der Bellen in seiner Rede. Gleichzeitig wolle man sich vor allen Opfern verneigen, die verfolgt, gequält und ermordet wurden. Aber auch heute sei nicht alles in bester Ordnung, wenn Menschen gegeneinander aufgebracht werden, kritisierte der Bundespräsident.

Die „Wurzel allen Übels“ sei, wenn die grundsätzliche Gemeinschaft aller Menschen geleugnet werde. Dann öffne sich die „Tür des Verderbens“. Dem müsse man entgegentreten. Denn wenn nicht, dann sei es nur eine Frage der Zeit, bis den Worten Taten folgten, so der Bundespräsident. Auf den Heldenplatz waren zahlreiche Politiker gekommen, darunter ÖVP-Justizminister Josef Moser und die Nationalratspräsidenten Doris Bures (SPÖ) sowie Wolfgang Sobotka (ÖVP).

Moser, Bures, Sobotka, Doris Schmidauer und Van der Bellen

Das „Fest der Freude“ mit einem Konzert der Wiener Symphoniker auf dem Heldenplatz wird vom Mauthausen Komitee (MKÖ) organisiert. Es wurde 2013 als Antwort auf das umstrittene „Totengedenken“ des Wiener Korporationsringes ins Leben gerufen. Am 8. Mai jährt sich die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit das offizielle Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zum 74. Mal.

KZ-Überlebende: Auschwitz war „Hölle auf Erden“

Höhepunkt des Festaktes bildete die Rede des KZ-Überlebenden Shaul Spielmann, der extra aus Israel angereist war. Der gebürtige Wiener wurde 1942 verhaftet und deportiert, er überlebte sechs Konzentrationslager. Er schilderte, wie er als Siebenjähriger gemeinsam mit seinen Eltern von den Nazis aus der Wohnung vertrieben und ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.

Spielmann erzählte von seiner Deportierung unter anderem nach Auschwitz

Das sei aber „kein Vergleich“ zu dem gewesen, was er in Auschwitz erlebt habe. „Das war die Hölle auf Erden.“ Dort habe er seine Familie verloren: „Ich blieb ein einsames Kind auf der Welt, ohne Eltern und Großeltern.“ Das Ausmaß des Grauens sei heute nur schwer vorstellbar.

Indirekte Kritik an FPÖ

MKÖ-Vorsitzender Willi Mernyi übte in seiner Rede Kritik an der FPÖ, wenn auch ohne sie direkt zu nennen. Das Wirken der Zeitzeugen, der Applaus des Publikums und die Musik würden die Worte jener übertönen, die vom „großen Austausch“ sprechen, die Menschen wieder mit Ratten vergleichen und von Einzelfall zu Einzelfall taumeln, so Mernyi. Die FPÖ war nicht zu dem Festakt eingeladen worden.

Zu der Veranstaltung kamen einige Zeitzeugen

Die Wiener Symphoniker erhielten bei ihrem Gratiskonzert Unterstützung von Conchita, die zum Abschluss Beethovens „Ode an die Freude“ intonierte. Die Symphoniker spannten den musikalischen Bogen von den Wirren der Vorkriegszeit über die Gräuel des Krieges bis hin zur Beschwörung der Ideale von Frieden und Toleranz. Erstmals leitete das Konzert mit der finnischen Dirigentin Eva Ollikainen eine Frau. Wie in den vergangenen Jahren schloss es auch in diesem Jahr mit Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“.

Regierung gedachte der Opfer der Schoah

Die Regierung beging mit einem eigenen Festakt das Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Terrorherrschaft. Er war größtenteils dem Gedenken an die Opfer der Schoah gewidmet. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), die Zeitzeugin Gerda Frey und der Historiker Manfried Rauchensteiner spannten ebenfalls einen Bogen zur EU, die ermögliche, „dass wir in Frieden, Freiheit und Demokratie zusammenleben“.

Es müsse „allen einleuchten, dass es ein Friedensprojekt ist“, so Rauchensteiner, der bei dem heuer mit „Umbruch Aufbruch Europa“ betitelten Festakt den Weg von der österreichischen Unabhängigkeitserklärung am 27. April 1945, der Kapitulation der Wehrmacht und dem Kriegsende am 8. Mai 1945 bis zum EU-Beitritt Österreichs 1995 zeichnete.

„Es zahlt sich aus, dass ihr für Europa wirklich kämpft“, sagte die Zeitzeugin Frey, die als jüdisches Kind nur durch eine lange Flucht nach Ungarn und dank einer Bäckerfamilie, die sie versteckte, überlebte, den jungen Menschen. „Trennt nicht die Menschen in wir und die anderen … es kann jedem passieren, dass ihr einmal zu den anderen abgestempelt werdet“, so Frey weiter.

Kurz: „Wendepunkt“

Am 8. Mai gelte es, sich der „dunkelsten Stunden der Geschichte“ zu erinnern – und jeglichem Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Aber es sei auch ein Tag der Freude, so Kanzler Kurz – erinnere man sich doch an das Kriegsende und die Befreiung Österreichs. Sie seien ein „Wendepunkt“ gewesen, die nachkommenden Generationen hätten das Glück in einem anderen Österreich und einem geeinten Europa zu leben.

Und bei allen Meinungsverschiedenheiten „stellt eigentlich kaum jemand dieses Friedensprojekt und das friedliche Miteinander infrage“. Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) nannte die Schoah „das grausamste Gesicht des Terrorregimes“ der Nationalsozialisten. Sobotka bezeichnete den Tag als „Meilenstein in der demokratischen Entwicklung unseres Landes“. Er sei aber zugleich „Mahnung vor Totalitarismus und Rassismus“.

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